• Elisabeth

Wir sind das Klima!

Wir sind das Klima! - Buchkritik

Autor: Jonathan Safran Foer

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

„Unsere Ernährung umzustellen wird nicht ausreichen, um die Erde zu retten, aber wir können sie nicht retten, ohne uns anders zu ernähren.“ Dieser Satz, welcher sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht, ist sehr einprägend. Er brennt sich nahezu in das Gehirn ein. Und bleibt ab diesem Zeitpunkt immer im Hinterkopf, immer ein Gewissensbiss, immer eine Ermahnung. Das, so Foer, sollte er jedenfalls. Die Gründe dazu erläutert er in jenem Sachbuch, das allerdings sehr persönlich geschrieben und gefüllt mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen ist.

Er abstrahiert die Notwendigkeit, gemeinsam zu handeln, um den Klimawandel zu stoppen, indem wir unsere Ernährung umstellen, zu einem Phänomen, das sich im zweiten Weltkrieg abgespielt hat: In diesem schalteten Bewohner der Ostküste Amerikas in der Abenddämmerung das Licht aus, um zu verhindern, dass deutsche U-Boote anhand des Lichtes auslaufende Schiffe entdeckten und versanken. Später verdunkelte man nicht mehr nur die Küstenregionen, sondern ganze Städte. Natürlich wurde der Krieg, so Foer, nicht wegen des gemeinsamen Verdunkelns gewonnen, aber hätte man ihn gewinnen können, wären die Städte nicht verdunkelt worden? Diese gemeinsame Welle des Handelns, des Kämpfens, auch wenn es nur im kleinen Kämmerlein geschah, war extrem wichtig. Jeder konnte mit einem so einfachen Mittel, einem im Vergleich sehr geringen Opfer, zu etwas Großem, sehr Wichtigem beitragen. Foer betont, dass wir genau dieses kollektive Handeln brauchen, um der Klimakrise entgegen zu wirken.

Außerdem legt Foer ein Augenmerk darauf, dass Wissen nicht gleich Wissen ist: Wenn man etwas weiß, es aber nicht glaubt, so weiß man es eigentlich nicht. Wir wissen zwar, dass wir die Erde zerstören; dieses Wissen dringt allerdings nicht so tief zu uns durch, dass wir es wirklich glauben können und auch danach handeln.

Das Buch besteht aus fünf Teilen; Im ersten Teil nennt und beschreibt Foer wichtige, historische Momente. Nicht immer erläutert er den Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und der Klimakrise, diese Gedankenbrücke muss der Leser teilweise selber schlagen. Der zweite Teil besteht aus Fakten, die er in Kapiteln geordnet, stichpunktartig auflistet.* Der dritte Teil ist meiner Meinung nach am bewegensten. Die Fakten aus Teil zwei sind zwar wachrüttelnd, aber es sind nun mal Zahlen. Zahlen, die schwer vorstellbar sind und denen man nicht glauben will. Im dritten Teil allerdings erzählt Foer etwas, dass wir alle wissen, aber nicht so richtig glauben können: Die Erde ist unser einziges Zuhause, welches wir zerstören, obwohl wir wissen, dass es keinen Ersatz gibt. Foers Vergleich: „Wir sind die Sintflut, und wir sind die Arche.“ - Wir sind die Zerstörer, aber gleichzeitig auch die einzigen, die retten und reparieren können. Im vierten Teil führt Foer ein „Gespräch mit der Seele“, wie er es nennt, „Diskussion mit der Seele“ wäre an manchen Stellen jedoch passender. Die Seele stellt kritische Fragen und nennt Gegenargumente, die er beantwortet und entkräftet. Der fünfte Teil ist voll von philosophischen Gedanken zum Thema Klimakrise, die er sehr interessant ausführt. Er bezieht sich auf Studien, Texte und Ereignisse und kritisiert, bestätigt, widerlegt und erläutert diese.

All diese Aspekte und Themen des Buches sind grob zusammengefasst, ich habe hier lediglich einmal an der Oberfläche gekratzt. Um dieses hochkomplexe Buch zu verstehen und zu begreifen, um die Fakten nicht nur wissen, sondern auch glauben zu können, muss man es selbst lesen. Es ist kein streng missionarisches Buch, das alle zum Vegetarismus zwingen möchte, sondern lediglich anregen will, den Konsum tierischer Produkte zu verringern und den Fokus auf pflanzliche Produkte zu legen, die ein sehr vielfältiges Angebot aufweisen. Foer beschreibt seine Erfahrungen auf diesem Gebiet und gesteht, dass er seinen eigens aufgestellten Grundsatz „Keine tierischen Produkte vor dem Abendessen“ selbst nicht einhält, da das Verlangen meist größer ist als die Vernunft. Doch genau diese „Entschuldigung“, „Weil kurzfristiger Genuss verlockender ist als langfristiges Überleben.“, kritisiert er. Auch wenn das für den Leser wenig überzeugend sein mag – ich wurde selbst etwas wütend auf Foer, als ich das las und habe mich gefragt, wie er so tiefgründige Zeilen schreiben kann, wenn er selbst nicht das schafft, was er dem Leser nahelegen möchte -, zeigt es einfach nur, wie schwach der Mensch sein kann, wie schwierig und egoistisch. Doch um den Planeten, unser einziges Zuhause, zu retten, müssen wir all das hinter uns werfen und stark sein. Und am Abend kann man dann seinem Verlangen nachgeben und auch nicht-pflanzliche Produkte essen. Damit ist schon die Hälfte geschafft und es ist im Vergleich ein ziemlich kleines Opfer.

Foer ist ein brillanter Autor, der das Wesentlichste, was es zum Thema „Klimakrise und wie wir sie bewältigen können“ zu sagen gibt, in seinem Buch erfasst hat und – das ist meiner Meinung nach am bemerkenswertesten – es schafft, ein Sachbuch überzeugend und vor allem spannend zu schreiben. Das Buch sei jedem ans Herz gelegt, der aus „Wissen“ „Glauben“ machen möchte, aber auch für alle anderen (über 12 Jahre) kann ich es empfehlen, da es ein Buch ist, was einen die Welt mit anderen Augen sehen lässt und einem die Augen öffnet.


*Für alle Interessierte hier eine grobe Auflistung der wichtigsten Fakten aus Kapitel zwei:

  • Nutztierhaltung ist verantwortlich für 37 Prozent des anthropogenen Methan-Ausstoßes

  • Bäume bestehen zu 50 Prozent aus Kohlenstoff. Genau wie Kohle setzen sie CO2 frei, wenn man sie verbrennt

  • Wälder enthalten mehr Kohlenstoff als sämtliche fossilen Energieträger der Erde

  • Abholzung und Brandrodung verursachen 30 Prozent des weltweiten Jahresausstoßes von Treibhausgasen. Der Scientif American schreibt: „Den meisten Berichten zufolge setzt die Rodung tropischer Regenwälder mehr CO2 frei als alle Autos und Lastwagen der Welt zusammen.“

  • Etwa 80 Prozent der Rodungen dienen der Gewinnung von Weideland oder Anbauflächen für Futterpflanzen → Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung

  • Eine aktuelle Studie der John Hopkins University über die Rolle der Ernährung bei der Klimakontrolle hält fest: „Halten die globalen Trends beim Konsum von Fleisch und Milchprodukten an, wird die mittlere Temperatur höchstwahrscheinlich um mehr als zwei Grad ansteigen, selbst im Falle dramatischer Emissionsreduzierungen in allen nicht-landwirtschaftlichen Bereichen.“

  • Um das Zwei-Grad Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen, darf die individuelle CO2-Bilanz pro Jahr bis 2050 nicht höher liegen als 2,1 Tonnen

  • Der globale Durchschnitt der individuellen CO2-Bilanz liegt bei 4,6 Tonnen pro Jahr (in Deutschland bei ungefähr 7,9 Tonnen (Stand 2019)). vor dem Abendessen keine tierischen Produkte zu konsumieren spart jährlich 1,3 Tonnen pro Kopf

  • Eine gesunde vegetarische Ernährung ist jährlich etwa 200 $ (rund 185 Euro) billiger als die herkömmliche ungesunde Ernährung

  • Nutzvieh ist verantwortlich für 51 Prozent der weltweiten Emissionen (Berechnung des Worldwatch Institute). Das ist mehr als alle Autos, Flugzeuge, Gebäude, Kraftwerke und Fabriken zusammen





60 Ansichten